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DGO Vortragsreihe "Kriegsspuren - Erinnerung und Vergessen in Osteuropa"

Die DGO Zweigstelle Köln/Bonn lädt herzlich ein zur Vortragsreihe "Kriegsspuren - Erinnerung und Vergessen in Osteuropa"

Es konnte drei Vortragende gewonnen werden, die sich mit den jüngsten Entwicklungen und Debatten um die Kriegserinnerung in Russland, Polen und der Ukraine, aber auch mit 'vergessenen' Spuren des Zweiten Weltkrieges befassen.

Die Vorträge finden jeweils ab 19 Uhr statt im
Hörsaal XII
Hauptgebäude der Universität zu Köln
Albertus-Magnus-Platz
50923 Köln

Donnerstag, 22.10.2015

Maren Röger (Augsburg)
Verschwiegen und verdrängt: Gewalt, Intimität und Prostitution im besetzten Polen

Im Zweiten Weltkrieg überzogen die deutschen Besatzer Polen mit Gewalt. Die jüdische Bevölkerung ermordeten sie systematisch in den Gaskammern, von Inhaftierungen, Vertreibungen und Zwangsarbeit waren Millionen nicht-jüdische Polen ebenfalls betroffen. Zu der Gewaltherrschaft gehörten auch Vergewaltigungen und das von den Deutschen aufgebaute und kontrollierte Bordellsystem – ein bislang unbekannter Aspekt der deutschen Besatzung. Maren Röger beschreibt die Situation in den wehrmachtseigenen Bordellen, in denen Frauen zum Teil in die Prostitution gezwungen wurden. Sie erzählt aber auch von Überlebensprostitution, „Bratkartoffelverhältnissen“ und Liebesbeziehungen und den mitunter verzweifelten Versuchen der Männer, eine Heiratsgenehmigung zu erlangen. Denn sexuelle Beziehungen zu Polinnen waren den Deutschen qua Rassenideologie eigentlich verboten. Nach 1945 wurde das Thema zum Tabu, so dass das Schicksal der Kinder aus diesen Beziehungen kaum bekannt ist.

Donnerstag, 29.10.2015

Ekaterina Makhotina (München)
Triumph des Staates - Trauer der Großeltern: Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Festritualen des heutigen Russlands

Das Gedenken an den Krieg und sein Ende hat in den letzten Jahren einem grundlegenden Wandel durchgemacht. Tradierte Muster werden um neue Elemente erweitert, die auf neue soziale Funktionen und politische Zielsetzungen hinweisen. Die Einsicht, dass die staatliche Symbolpolitik in Wechselwirkung mit lokalen Erinnerungsgemeinschaften wie etwa Veteranenverbänden sowie mit Alltagspraktiken des Kriegsgedenkens steht, wirft für die historische, soziologische und ethnologische Forschung einen dichten Komplex an Fragen auf.
Der Vortrag präsentiert die ersten Ergebnisse zu diesen Fragen aus dem Projekt „Sieg—Befreiung—Besatzung: Kriegsdenkmäler und Gedenkfeiern zum 70. Jahrestag des Kriegsendes im postsozialistischen Europa“. Das Projekt unternimmt erstmalig den Versuch, die Vorbereitung und Durchführung der Feiern, ihren Bezug zum örtlichen Raum sowie die jeweiligen lokalen Traditionen des Festes systematisch zu untersuchen. Als Forschungsregionen stehen Belarus, Russland, Ukraine, Estland, das Gebiet Transnistrien sowie Ostdeutschland im Fokus. Hier wird jeweils in ausgewählten Regionen die Geschichte der lokalen Kriegsgedenkstätten erforscht und das feierliche Geschehen beobachtet, dokumentiert und im Hinblick auf den regionalen erinnerungspolitischen Kontext analysiert.

Donnerstag, 05.11.2015

Anke Hilbrenner (Köln/Bonn)
"Kollaboration" und "Widerstand" als konkurrierende Erinnerung: Der Zweite Weltkrieg in der Ukraine

Fast während der gesamten Dauer des Krieges war die Ukraine ein Schlachtfeld. Sowohl die Wehrmacht als auch die Rote Armee passierten das Land zweimal –beim Einmarsch und beim Rückzug. Viele Ukrainer wurden Opfer von Gewaltaktionen von beiden Seiten. Fast 6 Mio. Ukrainer kämpften zudem während des Zweiten Weltkriegs in der Roten Armee. Viele Tausende waren als sowjetische Partisanen oder als nationale Kämpfer tätig oder wurden gezwungen, die eine oder andere Gruppe zu unterstützen. Viele wurden von der jeweils anderen Seite dafür bestraft. Alle litten unter den Folgen des nationalsozialistischen Hungerplans. Manche versuchten, den Versorgungsproblemen durch freiwillige Meldung zur Zwangsarbeit zu entgehen, andere wurden in Razzien zusammengetrieben und zum Arbeitseinsatz gezwungen. Die meisten Ukrainer waren im Laufe dieses Krieges, der vor allem im Westen bereits 1939 begann, sowohl Opfer als auch Täter. Die Erfahrungen in diesem Krieg waren für die meisten völlig unterschiedlich, wobei manchmal die ethnische, soziale oder kulturelle Herkunft, manchmal der Wohnort, manchmal aber auch der Zufall darüber entschied, welche Gewalttäter auf das Individuum zugriffen, um zu töten, zu vergewaltigen oder Unterwerfung bzw. Mitarbeit zu verlangen. Die sowjetische Geschichtspolitik hat versucht, diese vielschichtigen Erinnerungen in der Heldengeschichte vom entbehrungsreichen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg zu vereinheitlichen. Um diese komplexe Gemengelage in ihre hegemoniale Gedächtnisgemeinschaft zu überführen, bot sie ein verbindliches Narrativ von Kollaboration und Widerstand an. Auch die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg in der Ukraine hält noch weitgehend am Narrativ von „Kollaboration“ und „Widerstand“ fest. Dieses Narrativ muss überwunden werden, um der Vielfalt der historischen Erfahrungen in der Erinnerung einen Platz zu geben.